Rezessionsdeckung mit Emdogain

Ein klinischer Fallbericht von DDr. Manfred Zeisler

DDr. Manfred Zeisler

  • Medizinstudium in Innsbruck mit Promotion 1989
  • Freier Mitarbeiter an der Kiefer- und Gesichtschirurgie in Salzburg unter der Leitung von Frau Primaria Dr. Helene Matras 1989/1990
  • Facharztausbildung in Innsbruck an der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Kurt Gausch und anschliessend Anstellung als Assistenzarzt bis 1996
  • Seit 1996 Privatpraxis für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Innsbruck

Die Patientin war vor 10 Jahren im Ausland in kieferorthopädischer Behandlung und hatte zum Abschluss einen verseilten Drahtretainer in der Unterkieferfront erhalten (Abb. 3). Seitdem wurden keine kieferorthopädischen Kontrollen mehr durchgeführt. Die Patientin wurde an unsere Praxis überwiesen mit der Anfrage, ob man bei der Rezession am Zahn 32 (Abb. 1 und 2) etwas ästhetisch verbessern könne.

Bei der klinischen Untersuchung zeigte sich ein Gebiss mit teilweise insuffizienten Füllungen und schlechter Mundhygiene. Auch Zahnstein war vorhanden. Die Parodontalsondierung war mit 1 bis 3mm jedoch in der Norm. Alle Zähne in der Unterkieferfront von 33 bis 43 waren vital, sogar Zahn 32 (Sensibilitätstest mit CO2-Schnee) reagierte positiv. Aufgrund eines Kiefergelenkproblems auf der rechten Seite war die Mundöffnung eingeschränkt. Funktionell fehlte die Eckzahnführung links, da der Eckzahn mit seiner Wurzelspitze nach lingual getorquet war. Bei den restlichen Unterkieferfrontzähnen konnte man die Konturen der Wurzeln duch die Mundschleimhaut erkennen, da diese durch das post-orthodontische Aufdrehen des „Retainers“ mit ihren Wurzelspitzen zu weit bukkal standen bzw. schon ausserhalb des Knochens sich befanden. 

Vorbehandlung

Der Patientin wurde eine adäquate Mundhygiene insbesondere bei der Rezession am Zahn 32 gezeigt. Bei der radiologischen Abklärung zeigte sich bei den 2-dimensionalen Bildern noch genügend Alveolarknochen interdental (Abb. 4 und 5). Beim DVT hingegen sieht man die Verlagerung der Zähne nach bukkal aus dem Knochen hinaus (Abb. 6 und  7). Der Zahn 33 wurde mit Composite verlängert, um eine Eckzahnführung zu etablieren und die Belastung vom Zahn 32 zu reduzieren.

Es wurde ein freies Schleimhauttransplantat vom Oberkiefer nach regio 32 gesetzt (Abb. 8), um den Zug der Mundschleimhaut an der marginalen Gingiva zu vermindern. Das Transplantat konnte nicht wie sonst üblich auf eine knöcherne Unterlage fixiert werden, sondern lediglich auf das Bindegewebe aufgelagert werden, da die Wurzelspitze von Zahn 32 sich ausserhalb des Knochens befand. Hätte man die Wurzelspitze komplett freigelegt, hätte die nervale Innervation und die vaskuläre Versorgung des Zahnes darunter gelitten.

Anschliessend wurden die Wurzelspitzen kieferorthopädisch unter DVT-Kontrolle wieder in den Knochen hineinbewegt sowie der Eckzahn aufgerichtet (Abb. 9). 

Chirurgisches Vorgehen

Nach etwa 5 Jahren Vorbehandlung wurde eine chirurgische Rezessionsdeckung mit Emdogain in Lokalanästhesie durchgeführt. Zunächst wurde die freiliegende Wurzeloberfläche mit einer Bimssteinschlemmung gründlich gereinigt und die Oberfläche aufgerauht. Die horizontale Inzision erfolgte girlandenförmig direkt am Ansatz der Rezession in der Art und Weise, dass die beiden neuen Papillen schon vorgeschnitten wurden (Abb 10). Anschliessend zwei vertikale Incisionen nach apikal divergierend, sodass sich ein Trapez ergibt. Ein full-thickness-flap (Mukoperiostlappen) wurde sorgfältig abpräpariert, was im Bereich des Schleimhauttransplantates aufgrund der Derbheit des Gewebes nicht ganz leicht war. Nach Darstellung der Wurzel, die sich wieder grossteils im Knochen befand (Abb. 11), wurde diese nochmals mittels Handküretten sorgfältig gereinigt. Prefgel wurde aufgetragen und gemäss Herstellerangaben nach 2 Minuten mit Kochsalz abgespült. Emdogain wurde appliziert (Abb. 12) und der Schleimhautlappen nach Periostschlitzung und Deepithelisierung der beiden benachbarten Papillen im Sinne eines coronalen Verschiebelappens spannungsfrei vernäht (Abb. 13). Solcoserylsalbe wurde aufgetragen und die Patientin dahingehend instruiert, dass sie die mechanische Mundhygiene im Operationsgebiet für die kommenden 4 Wochen unterlassen und stattdessen mit einem Chlorhexidin spülen solle. Perioperativ wurde der Patientin ein Antibiotikum gemäss den allgemeinen chirurgischen Standards rezeptiert. Die Nahtentfernung erfolgte 11 Tage nach der Operation. Nach 4 Wochen wurde die Mundhygiene wieder auf eine mechanische Technik im Sinne einer rot-weiss-Bewegung mit einer feinen Handzahnbürste umgestellt. 

Nachsorge

Die erste Kontrolle fand 3 Monate post-OP statt (Abb. 14). Weitere 3 Monate wurden mit der routinemässigen Mundhygienesitzung zugewartet und dann im Operationsgebiet lediglich vorsichtig mit einem Prophylaxehütchen und Fluorpaste poliert. Ein Jahr später erfolgte die erste Parodontalsondierung mit 1-2mm Sondierungstiefe bukkal beim Zahn 32. Der Zahn 32 reagiert positiv auf die Vitalitätstestung.

Es zeigt sich im Bereich der Rezessionsdeckung eine vollkommen reizfreie Gingiva (Abb. 15, Abb. 16, Abb. 17). Somit kann davon ausgegangen werden, dass hier mit Emdogain langfristig ein stabiles Neuattachment stattgefunden hat.