Esthetic Days: Komplettkonzept für ästhetische Lösungen

Ein Interview mit Dr. Julia-Gabriela Wittneben und Dr. Arndt Happe

Vom 06. bis 07. September finden in Baden-Baden die ersten Esthetic Days statt. Der Kongress wird veranstaltet von M:Consult und der Straumann Group Deutschland als Initiator.

Ob es in Zeiten steigender Fortbildungsmüdigkeit und paralleler Inhaltsüberflutung mit Fort- und Weiterbildungsangeboten noch eine neue Veranstaltung braucht?

Das wollte auch die pip wissen und sprach mit den Referenten Priv.-Doz. Dr. Julia-Gabriela Wittneben MMedSc, Oberärztin an der Klinik für Rekonstruktive Zahnmedizin und Abteilung für Gerodontologie in Bern, und Priv.-Doz. Dr. Arndt Happe, Zahnarzt und Fachzahnarzt für Oralchirurgie in Münster.

pip: Was hat Sie persönlich am neuen Veranstaltungskonzept Esthetic Days überzeugt?

Julia-Gabriela Wittneben: In erster Linie war das der neue, interdisziplinäre und konsequent wie selten an den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtete Ansatz bei diesem neuen Kongress. Es geht bei jedem einzelnen Programmteil darum, Zahnärztinnen und Zahnarzt in der Praxis die Konzepte und das Rüstzeug an die Hand geben, um für eine erfolgreiche Zukunft aufgestellt zu sein. Der Kongress Esthetic Days ist dabei kein reiner Marketing-Event, wie wir ja schon einige dieser Art hatten, sondern fußt fachlich fundiert auf evidenzbasierten Behandlungskonzepten, die in der Praxis zum Wohle des Patienten umgesetzt werden können. Das finde ich besonders im Zusammenhang mit dem Begriff „Ästhetik“ enorm wichtig, um ein Abdriften in Oberflächlichkeit und rein kosmetische Aspekte von vornherein zu vermeiden.

Arndt Happe: Bei mir kommt inzwischen jeder zweite Patient mit einem in irgendeiner Weise auch oder manchmal sogar ausschließlich ästhetischem Anliegen in die Praxis. Selfie-Lust und soziale Medien tragen das ihre dazu bei. Die Optik wird den Menschen immer wichtiger. Früher hätte man sich mehr mit einer guten funktionalen Lösung zufrieden gegeben – heute soll sie bitte auch gut aussehen. Ich möchte hier aber betonen, dass wir ausschließlich zahnmedizinisch notwendige Behandlungen durchführen  und nicht ohne eine entsprechende Indikation aktiv werden; d.h. wir machen seriöse Zahnheilkunde, die aber gut, oder mindestens naturidentisch aussehen soll. Ich habe diesen Aspekt in meiner eigenen Praxis seit Jahren immer stark mit einbezogen, insofern war ein Kongress mit diesem Themenschwerpunkt für mich eigentlich nur zeitgemäß und konsequent. Dass zudem auch die wirtschaftlichen Aspekte beleuchtet werden, macht die Veranstaltung umso attraktiver.

pip: Verbände und Körperschaften betonen stets den medizinischen Aspekt in der Zahn-Medizin – keine Bedenken, dass der Kongress mit einem erklärten Ästhetik-Schwerpunkt zu sehr in die Kosmetik-Ecke gerät?

Julia-Gabriela Wittneben: Die Kosmetik ist nur als Teilresultat eines komplexen zahnmedizinisch-ästhetischen Behandlungskonzeptes anzusehen. Generell werden gesunde und schöne Zähne in unserer Gesellschaft mit Gesundheit, Wohlbefinden und Attraktivität in Verbindung gebracht und beeinflussen meistens auch die Sozialkompetenz der Patienten. Meine klinischen Erfahrungen aus den USA – wo ich meine dreijährige Prothetik-Fachzahnarztausbildung plus den “Master of Medical Sciences“ an der Harvard Universität absolvierte – gemeinsam mit der anschließenden zehnjährigen Tätigkeit als Oberärztin an der Universität Bern haben meinen Blick im Zusammenhang auf die Komplexität und Interdisziplinarität der ästhetischen Zahnmedizin sehr geprägt. In den USA, wo die Ästhetik der Zähne einen sehr hohen Stellenwert hat, vor allem  beeinflusst durch die Medien und die Filmindustrie, sind schöne attraktive Zähne ein Herausstellungsmerkmal. Die Wahrnehmung einer perfekten Ästhetik ist in den USA eher definiert als sehr symmetrisch und hell, währenddessen die Ästhetik in Europa und der Schweiz eher eine sehr individualisierte, unauffälligere ist. Von beiden Welten kann man sehr viel lernen und gezielt auf den individualisierten Patientenfall übertragen. Ästhetik hat zudem immer eine allgemeingültige mathematische Komponente,  die durch Regeln gelehrt werden kann, plus ein künstlerisches Element,  das durch klinische Erfahrung und Gefühl in enger Kooperation mit dem Patient entsteht.

Arndt Happe: Tatsächlich treffe ich diese Diskussion im Ausland bei einer meiner häufigen Referenten-Tätigkeiten so gut wie nie an. Und fachlich kann der Patient meine Leistung in der Regel nicht beurteilen, darauf muss er sich ganz einfach verlassen können – das Aussehen und die Ästhetik ist also unser gemeinsamer Nenner. Die Frage ist ja auch: Wie gewinne ich meinen Patienten für aufwändigere Restaurationen? Oft kommt der Patient in meine Praxis wegen eines Detail-Problems. Ich erkenne fachlich sofort, dass eine Detail-Reparatur wenig aussichtsreich und dauerhaft wäre – aber wie vermittle ich das nun meinem Patienten, ohne dass dieser den Eindruck bekommt, ich handle aus finanziellem Interesse. Ich muss die Verbesserung, die mir vorschwebt, für meinen Patienten erfahrbar, spürbar machen, und das geht am besten über Fotos, Röntgenbilder, Wax-Ups und Mock-Ups, die den Patienten nicht nur schlauer machen, sondern ihm auch die Auswirkungen der Restaurationen direkt vor Augen führen. Übrigens nehme ich schon zu diesem Zeitpunkt immer meinen Zahntechniker direkt mit ins Boot. Manchen Kollegen mag das als ein enormer Zeitaufwand vor der eigentlichen Behandlung erscheinen, aber glauben Sie mir: Der so informierte und eingestimmte Patient geht dann auch aufwändigere Restaurationen motiviert und entschlossen mit. Und wer, meinen Sie, verlässt Ihre Praxis am Ende glücklicher: Ein Patient, der sich medizinisch völlig korrekt behandelt fühlt, oder der sich über ein wirklich schönes neues Lächeln freut?

pip: Wer sind die „Ästheten“ in der Zahnmedizin – die Kieferorthopäden, die implantologisch tätigen Zahnärzte, die Prothetiker, die Zahntechniker …?

Julia-Gabriela Wittneben: Hier haben die Esthetic Days genau den richtigen Ansatz, indem sie alle Beteiligten ansprechen: Die Generalisten/innen, die Spezialisten/innen, und eben auch die Zahntechniker/innen. Das Symposium verfolgt explizit einen interdisziplinären Ansatz. Das Themenspektrum zieht sich von der Prävention über die Regeneration, die Kieferorthopädie, die Implantologie bis zur Prothetik. Gleichermaßen wie eine große Klammer verbinden die heutigen Möglichkeiten digitaler Arbeitsprozesse diese Themen.  

Gerade ästhetisch komplexe Patientenfälle wie z. B. Traumata mit Frontzahnverlusten oder Gesamtsanierungen stellen große Herausforderungen an den klinisch tätigen Zahnarzt und die Zahnärztin dar. Wir arbeiten an der Universität Bern immer im maximal interdisziplinären Team eng zusammen um aus allen zahnärztlichen und zahntechnischen Fachbereichen das optimale Ergebnis erreichen zu können. Schöne und für die Patienten perfekt individualisierte Zähne beeinflussen deren Lebensqualität und das Wohlbefinden sichtlich positiv – was sich übrigens gleichzeitig auch synergistisch als motivierender Faktor für die behandelnde Zahnärztin und den behandelnden Zahnarzt entwickeln kann.

Arndt Happe: Schon heute ist die erfolgreiche Praxis diejenige, die die Teamarbeit und das Einbinden verschiedener Spezialisten am besten beherrscht. Die einzelnen Fachdisziplinen sind in der Tiefe inzwischen so komplex, dass keiner alle gleichermaßen perfekt beherrschen kann. Je höher Ihr eigener Anspruch an die Qualität Ihrer Versorgung, desto größer wird eigentlich die Demut vor der Kompetenz anderer spezialisierter Zahnärzte und Zahntechniker. Durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung wird die Zusammenarbeit und der Austausch verschiedener Beteiligter immer einfacher und effizienter. Wir praktizieren das seit Jahren sehr erfolgreich – auch hier kann der Kongress Esthetic Days Impulse geben, in welche Bereiche sich eine Praxis selbst weiterentwickeln und wo sie sich sinnvoll vernetzen kann. Netzwerken ist ein gutes Stichwort. In Baden-Baden werden Entscheider aus Praxis und Labor zusammengebracht, hier bietet sich also eine ideale Gelegenheit, sich auszutauschen und sein Netzwerk zu erweitern. Ich bin überzeugt, es wird keiner Baden-Baden verlassen ohne für sich einen echten Mehrwert mitzunehmen.

Erstveröffentlichung in der pip (Juni 2019), mit freundlicher Genehmigung des pip Verlags