#Sofortversorgung 12.02.2026

Klinische Umsetzung eines vollständig digitalen Workflows

Präzisionsnavigierte Sofortimplantation mit Straumann BLX und transgingivaler Einheilung

Der folgende Fallbericht beschreibt die Sofortimplantation im Unterkieferseitenzahnbereich mit transgingivaler Einheilung und frühzeitiger definitiver Versorgung. Ziel der Behandlung war es, einen frakturierten Unterkiefer Seitenzahn funktionell zu rehabilitieren und der Patientin innerhalb eines kurzen Zeitraums den Ersatz des fehlenden Zahns zu ermöglichen. Zum Einsatz kamen moderne digitale Planungs- und Navigationsverfahren, welche eine präzise Implantatpositionierung mittels full-guided Bohrschablone auf Basis des Straumann iGuide Systems erlaubten. Als Implantat wurde das Straumann BLX Roxolid® SLActive® Implantat gewählt, welches aufgrund seines schneidenden Gewindedesigns und der hydrophilen Oberfläche besonders für verkürzte Einheilprotokolle geeignet ist. Die Weichgewebeheilung wurde durch eine transgingivale Einheilung mit einem scanbaren anatomischen Healing Abutment (AHA) unterstützt, das gleichzeitig die Grundlage für einen vollständig digitalen prothetischen Workflow bildete.

Ausgangssituation

Die Patientin stellte sich Mitte Oktober mit einer Fraktur des Zahnes 35 in unserer Praxis vor (Abb. 1,2). Der allgemeine Gesundheitszustand war unauffällig. Die Patientin wies keine relevanten Vorerkrankungen auf, nahm keine Medikamente ein und war Nichtraucherin. 

Nach klinischer und radiologischer Diagnostik wurde der Zahn als nicht erhaltungswürdig eingestuft (Abb. 3). Nach ausführlicher Aufklärung über verschiedene Therapieoptionen entschied sich die Patientin für eine Extraktion mit anschließender Sofortimplantation. Ein zentrales Behandlungsziel war es, die Patientin noch vor Weihnachten mit einer festsitzenden definitiven Versorgung zu rehabilitieren.

Behandlungsplanung

Die Behandlungsplanung erfolgte auf Basis eines digitalen Intraoralscans sowie einer dreidimensionalen Volumentomographie (DVT). Beide Datensätze wurden daraufhin in der Planungssoftware coDiagnostix fusioniert. Auf Grundlage der späteren Kronenposition wurde die ideale Implantatposition unter Berücksichtigung anatomischer und prothetischer Parameter festgelegt (Abb.4). Anschließend wurde eine full-guided Bohrschablone konstruiert, abgestimmt auf das Straumann iGuide Bohrsystem, um eine möglichst präzise und reproduzierbare Umsetzung der Planung im klinischen Setting zu gewährleisten.

Chirurgisches Vorgehen

Nach Lokalanästhesie erfolgte die möglichst atraumatische Extraktion des Wurzelrests von Zahn 35 mit dem Benex-Extraktionssystems, um das umliegende Hart- und Weichgewebe maximal zu schonen (Abb. 5,6). Vor allem der Erhalt der bukkalen Knochenwand ist hier besonders wichtig für eine suffiziente Osseointegration des Implantats.

Die Implantatbettaufbereitung erfolgte navigiert durch die zuvor hergestellte full-guided Bohrschablone gemäß dem Bohrprotokoll (Abb. 7). Anschließend wurde das Straumann BLX Implantat in der Größe 4,5 x 12 mm inseriert (Abb. 9,10).

Zur Stabilisierung des periimplantären Spaltraums und zum Erhalt des umliegenden Hartgewebes wurde das bovine Knochenersatzmaterial cerabone® plus in der Korngröße 0,5–1 mm eingebracht (Abb. 8). Die mit Hyaluronsäure vernetzten Granula gewährleisten eine hohe Ortsstabilität und reduzieren das Risiko einer postoperativen Dislokation über den Sulkus. 

Im Anschluss wurde das AHA-Abutment eingesetzt und handfest fixiert (Abb. 11,12). Die Einheilung erfolgte bewusst transgingival, ohne primären Wundverschluss. Unmittelbar postoperativ wurde neben einem Kontrollröntgenbild (Abb. 13) ein intraoraler Scan durchgeführt, welcher als Datengrundlage für die definitive prothetische Versorgung diente.

Prothetisches Vorgehen

Auf Basis des postoperativen Intraoralscans wurde im zahntechnischen Labor die definitive transkoronal verschraubte Vollkeramikkrone gefertigt. Die Restauration bestand aus Zirkoniumdioxid, wobei die subgingivalen Bereiche lediglich poliert wurden, um eine optimale periimplantäre Weichgewebsanlagerung zu unterstützen (Abb. 15). Die supragingivalen Anteile wurden verblendet und individuell charakterisiert. Der Schraubenkanal wurde abschließend noch verkleinert, um die ästhetische Integration zu optimieren (Abb.14).

Das Emergenzprofil der definitiven Krone entsprach exakt der Form des eingesetzten Abutments und ermöglichte so ein konsistentes und reproduzierbares Emergenzprofil, ohne eine zusätzliche Weichgewebekonditionierung erforderlich zu machen (Abb. 16). 

Acht Wochen nach der Implantation wurde vor dem Einschrauben der Krone die Implantatstabilität mittels Resonanzfrequenzanalyse (RFA) überprüft (Abb. 17). Die gemessenen ISQ-Werte von 76 und 77 bestätigten eine stabile Osseointegration und erlaubten die definitive prothetische Belastung (Abb. 18,19). Das abschließend angefertigte Röntgenbild zeigt ein regelgerecht osseointegriertes Implantat und eine darin suffizient befestigte verblendete Vollzirkonkrone (Abb. 20). 

Diskussion

Die in diesem Fall angewandte Therapie kombiniert mehrere etablierte und zugleich innovative Konzepte der modernen Implantologie mit dem Ziel, Behandlungsdauer, chirurgische Invasivität und prothetischen Aufwand zu reduzieren, ohne die sichere Osseointegration zu kompromittieren. Ein zentrales Element ist dabei die bewusst verkürzte Einheilzeit von lediglich zwei Monaten. Zahlreiche experimentelle und klinische Studien konnten zeigen, dass hydrophile Implantatoberflächen wie SLActive® im Vergleich zu konventionellen SLA-Oberflächen eine beschleunigte frühe Knochenanlagerung aufweisen. Dies äußert sich in einer schnelleren Osseointegration, höheren Knochen-Implantat-Kontaktraten (BIC) sowie einer erhöhten sekundären Stabilität bereits in frühen Heilungsphasen, was eine frühere prothetische Belastung erlaubt [1–4]. Insbesondere bei systemisch gesunden Patienten mit ausreichender Primärstabilität stellt die Verkürzung der Einheilzeit daher kein erhöhtes biologisches Risiko dar, sondern kann im Gegenteil die Gesamtbehandlungsdauer signifikant reduzieren.

Im Vergleich zu herkömmlichen Implantatprotokollen mit geschlossener Einheilung erfordert der hier beschriebene Workflow deutlich weniger klinische Schritte. Klassische Konzepte beinhalten in der Regel eine subgingivale Einheilung, eine zweite chirurgische Freilegung, eine anschließende Abformung bzw. einen Scantermin sowie erst danach die definitive prothetische Versorgung. Jeder dieser Schritte ist mit zusätzlicher Behandlungszeit, potenzieller Weichgewebetraumatisierung und einem erhöhten Risiko für Komplikationen verbunden. Digitale, transgingivale Protokolle mit sofortiger oder frühzeitiger Abformung ermöglichen demgegenüber eine deutliche Vereinfachung des Workflows und reduzieren sowohl die chairside time als auch die Gesamtzahl der Patiententermine.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die transgingivale Einheilung. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten und klinische Studien konnten zeigen, dass bei gesunden, nicht rauchenden Patienten keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Implantatüberlebensrate, marginalem Knochenverlust oder Osseointegration zwischen transgingivaler und geschlossener Einheilung bestehen [5-7]. Gleichzeitig bietet die transgingivale Einheilung klare Vorteile: Sie vermeidet einen Zweiteingriff, reduziert postoperative Beschwerden und ermöglicht eine frühzeitige Weichgewebestabilisierung. Gerade im Seitenzahnbereich trägt dies wesentlich zum Patientenkomfort und zur Akzeptanz der Implantattherapie bei.

Die Qualität der periimplantären Weichgewebe wird zunehmend als entscheidender Faktor für den Langzeiterfolg von Implantaten betrachtet. Neben der chirurgischen Technik spielen hierbei das Design und das Material der transmukosalen Komponenten eine zentrale Rolle. Konventionelle konfektionierte Gingivaformer weisen häufig ein zylindrisches oder wenig anatomisches Design auf, das dem natürlichen Emergenzprofil nur unzureichend entspricht. Dies kann zu einem Kollaps oder einer unkontrollierten Formung des Weichgewebes führen und macht in vielen Fällen eine nachträgliche Konditionierung durch provisorische Versorgungen oder Weichgewebsaugmentate erforderlich.

Das in diesem Fall eingesetzte anatomische Healing Abutment (AHA) verfolgt einen anderen Ansatz. Durch sein anatomisch vorgeformtes, zahnähnliches Emergenzprofil unterstützt es die periimplantären Weichgewebe bereits während der Einheilphase dreidimensional. Studien zeigen, dass eine solche konsistente Weichgewebestützung zu stabileren mukosalen Verhältnissen und einer verbesserten Gewebeadaptation führen kann [8]. Ein zusätzlicher Vorteil des AHA besteht in der integrierten Scanfläche, die eine direkte digitale Abformung ohne Entfernen der Komponente erlaubt. Dadurch wird ein wiederholtes Lösen und Reponieren transmukosaler Aufbauten vermieden, was nachweislich mit einer Störung der epithelialen und bindegewebigen Anlagerung assoziiert sein kann [9,10].

In der Gesamtschau zeigt dieser Fall, dass die Kombination aus hydrophiler Implantatoberfläche, präziser navigierter Implantation, transgingivaler Einheilung und anatomisch gestaltetem, scanbarem Healing Abutment nicht nur den klinischen Workflow optimiert, sondern auch biologische Vorteile bietet. Insbesondere bei gesunden Patienten lassen sich so vorhersagbare Ergebnisse bei gleichzeitig reduziertem Behandlungsaufwand und erhöhtem Patientenkomfort erzielen.

Schlussfolgerung

Der vorliegende Fall zeigt, dass durch die Kombination aus digitaler Planung, full-guided Implantation, BLX SLActive Implantattechnologie und transgingivaler Einheilung mit AHA-Abutment eine hochpräzise, effiziente und patientenfreundliche Versorgung realisiert werden kann. Die deutliche Reduktion der Behandlungszeit, der Verzicht auf zusätzliche chirurgische Schritte sowie das konsistente Emergenzprofil führen zu hoher Vorhersagbarkeit und exzellentem klinischem Ergebnis. Dieses Versorgungskonzept stellt eine zeitgemäße Alternative zu klassischen Implantatprotokollen dar und trägt wesentlich zur Steigerung des Patientenkomforts bei und optimiert gleichzeitig die Effizienz des Behandlers. 

Bildnachweis: Alle Abbidlungen Dr. Fabian Meinke.

 

Literatur
  1. Wennerberg A, et al. Current knowledge about the hydrophilic and nanostructured SLActive surface. Clinical, cosmetic and investigational dentistry. 2011

  2. Schwarz F, et al. Early osseointegration of titanium implants with hydrophilic surfaces: an experimental study. Clin Oral Implants Res. 2009.

  3. Ferguson SJ, et al. Biomechanical evaluation of the interfacial strength of a chemically modified sandblasted and acid-etched titanium surface. J Biomed Mater Res. 2006

  4. Heberer S, et al. Rehabilitation of irradiated patients with modified and conventional sandblasted acid-etched implants: preliminary results of a split-mouth study. Clinical oral implants research. 2011

  5. Cardelli P, et al. Clinical assessment of submerged vs non-submerged implants placed in pristine bone. Oral Implatol. 2014

  6. Paul S, Modeling of Crestal Bone After Submerged vs Transmucosal Implant Placement: A Systematic Review with Meta-Analysis. IntJ Oral Maxillofac Implants 2017

  7. Wang J, Influence of buccal emergence profile designs on peri-implant tissues: A randomized controlled trial. Clin Implant Dent Relat Res. 2022

  8. Cordaro L, Clinical outcome of submerged vs. non-submerged implants placed in fresh extraction sockets. Clin Oral Implants Res. 2009

  9. Vatenas I, et al. One abutment one time vs. repeatable abutment disconnections in implants, restored with cemented / screw retained fixed partial dentures: Marginal bone level changes. A systematic review and meta-analysis. Stomatologija 2021

  10. Canullo L, et al. Immediate positioning of a definitive abutment versus repeated abutment replacements in post-extractive implants: 3-year follow-up of a randomised multicentre clinical trial. Eur J Oral Implantol. 2010