#Effizienz 25.01.2026

Innovatives ARP-Protokoll mit Magnesiumbarriere

Interview und klinischer Fallbeitrag

Kaum ein Eingriff beeinflusst die spätere Implantatplanung so entscheidend wie die Alveolenversorgung. Die Alveolar Ridge Preservation (ARP) ist zwar in vielen Praxen etabliert, dennoch bestehen weiterhin Fragen zu Indikationsstellung, Materialauswahl und Evidenzlage. Beim 4. Gemeinschaftskongress der zahnmedizinischen Fachgesellschaften Ende 2025 in Berlin präsentierte Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus eine klinische Fallserie, in der der Knochenerhalt nach Zahnextraktionen mittels eines porcinen Kollagenkegels und einer resorbierbaren Magnesiummembran untersucht wurde – ein Ansatz, der das klassische ARP-Konzept erweitert. Im Interview mit Dr. Aneta Pecanov-Schröder erläutert der erfahrene Implantologe die Hintergründe, seine klinischen Erfahrungen und das Potenzial dieser Methode.

Herr Professor Schnutenhaus, Sie haben auf dem Gemeinschaftskongress eine Fallserie zur Alveolar Ridge Preservation (ARP) vorgestellt, in der Sie einen porcinen Kollagenkegel mit einer resorbierbaren Magnesiummembran kombiniert haben. Was war der Ausgangspunkt für diesen Ansatz?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Der größte limitierende Faktor nach Zahnextraktionen ist der bukkale Volumenverlust. Auch wenn wir Kollagenkegel oder Knochenersatzmaterialien einsetzen, kann dieser Abbau oft nicht vollständig verhindert werden. Die Idee war deshalb, das etablierte Konzept der ARP um eine zusätzliche, mechanisch stabile Barriere zu erweitern, die den Kieferkamm unmittelbar nach der Extraktion zuverlässig schützt und gleichzeitig resorbierbar ist. Die Magnesiumtechnologie bietet hier ein spannendes Potenzial.

Warum ein Kollagenkegel – und warum Magnesium? Bleiben wir zunächst beim Kollagenkegel: Welche Rolle spielt er im Protokoll?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Der in meiner Praxis verwendete Kollagenkegel collacone® erfüllt zwei zentrale Aufgaben: Er stabilisiert das Blutkoagulum und schützt die Alveole unmittelbar nach der Extraktion vor mechanischer Irritation. Die ausgeprägte hämostatische Wirkung ist besonders wertvoll, etwa bei Patientinnen und Patienten unter Antikoagulation. Der Kegel besteht aus porcinem Kollagen und resorbiert innerhalb von zwei bis vier Wochen vollständig, sodass ein zweiter Eingriff entfällt. Allerdings kann er die bukkale Kontur allein nicht zuverlässig stützen – hier kommt die Magnesiumbarriere ins Spiel.

Magnesium ist ein eher ungewöhnliches Material in der dentalen Regeneration. Was macht es aus Ihrer Sicht für den Einsatz als Magnesiumbarriere so interessant?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Magnesium ist als resorbierbares Metall tatsächlich einzigartig. Es wird vollständig vom Körper abgebaut, ohne toxische Rückstände zu hinterlassen, und die dabei freigesetzten Magnesiumionen sind physiologisch und an viele körpereigene Prozesse gekoppelt. Gleichzeitig weist das Material eine für resorbierbare Membranen außergewöhnlich hohe mechanische Stabilität auf. Diese Kombination – Stabilität und vollständige Resorption – macht das Material für augmentative Eingriffe sehr attraktiv, insbesondere dort, wo wir die Struktur über mehrere Wochen zuverlässig erhalten müssen.

Welche Vorteile ergeben sich daraus konkret für die klinische Anwendung im Rahmen der Alveolar Ridge Preservation?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Die NOVAMag® SHIELD-Membran bietet eine Stabilität, die wir sonst nur von Titan kennen, aber ohne die Notwendigkeit eines zweiten Eingriffs zur Entfernung. Durch ihre Formbarkeit lässt sie sich anatomisch sehr gut adaptieren, und dank der Eigenstabilität kommt sie ohne Pins aus. Gerade für die ARP ist das ideal: Die bukkale Wand wird unmittelbar nach der Extraktion geschützt, wir müssen das Weichgewebe kaum mobilisieren, und die Membran resorbiert vollständig, während der Knochen ungestört regenerieren kann.

Wie haben Sie die Methode in Ihrer Fallserie konkret umgesetzt?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Grundsätzlich ist zunächst eine minimalinvasive, atraumatische Extraktion entscheidend. Anschließend wurde die Alveole sorgfältig kürettiert und mit einem porcinen Kollagenkegel (collacone®) gefüllt, der das Blutkoagulum stabilisiert und die Alveole schützt. Danach haben wir die NOVAMag®-Membran® dreidimensional konturiert und sie bukkal sowie palatinal in zuvor präparierte Taschen eingelegt. Eine einzelne Haltenaht sorgte für die Stabilisierung. 

Nach drei Monaten zeigten alle Fälle klinisch als auch radiologisch einen sehr gut erhaltenen Kieferkamm. Die bukkale Lamelle blieb vollständig erhalten, und die Implantate konnten ohne zusätzliche Augmentation primärstabil inseriert werden. Direkt im Anschluss wurde ein keramischer Gingivaformer eingesetzt, um die Weichgewebskontur zu formen.  

Zeigen sich die Vorteile der Methode tatsächlich auch in der klinischen Anwendung?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Absolut. Wir sehen eine stabile Regeneration unter der Membran, ohne Weichgewebseinschluss. Die Kombination scheint die Vorteile beider Materialien sinnvoll zu verbinden: Schutz, Hämostase, Stabilität und vollständige Resorption.

In der Fallserie bestätigten die DVT-Aufnahmen nach drei Monaten zusammen mit den klinischen Befunden eine erfolgreiche Knochenerhaltung und ausreichend Volumen für die geplante Implantation. Zudem zeigte sich nach Resorption der Membran eine gut ausgebildete keratinisierte Gingiva. Insgesamt lagen damit hervorragende Voraussetzungen für eine sichere Implantation vor.

Die Resorption von magnesiumbasierten Membranen geht mit einer begrenzten Freisetzung von Wasserstoffgas einher. Welche klinische Relevanz hat dieser Effekt in der Praxis, insbesondere für den Heilungsverlauf, die Knochenregeneration und die praktische Handhabung?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Diese Frage ist berechtigt. Die Gasentwicklung kann gelegentlich zu einer kleinen, vorübergehenden Gasblase führen, einem sogenannten ‚Tenting‘ der Weichgewebe. In der Literatur wird dies überwiegend als unproblematisch bewertet. In unserem Fallkollektiv traten weder klinische Beschwerden noch Komplikationen auf. Entscheidend ist, dass Behandlerinnen und Behandler die radioluzenten Bereiche korrekt interpretieren: Sie stellen keine Infektion oder Osteolyse dar. Die Gasblase löst sich von selbst auf, und die Knochenregeneration wird nach bisheriger Erfahrung nicht beeinträchtigt.

Wichtig ist, dass Behandlerinnen und Behandler Patienten proaktiv darüber aufklären: Diese Blase ist harmlos, verschwindet von selbst, und auch wenn sie in Röntgen- oder DVT-Aufnahmen sichtbar wird, handelt es sich nicht um eine Infektion oder Knochenverlust. Durch die offene Heilung der Membran haben wir bei der Anwendung in der ARP keine störende Gasbildung beobachtet.

Apropos Sicherheit und Vertrauen: Was wünschen Sie sich an weiterer Evidenz?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Wir benötigen größere Fallserien und prospektive Studien, idealerweise im Vergleich zu etablierten ARP-Protokollen. Das Potenzial ist groß und die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, doch die Forschung steht noch am Anfang. In Kooperation mit der Universität Ulm haben wir daher eine größere randomisierte klinische Studie initiiert. Erste Ergebnisse zeigen positive Tendenzen. Der Abschluss der Studie ist für Mitte des kommenden Jahres geplant, anschließend sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Welche Pluspunkte bietet die Kombination aus Kollagenkegel und NOVAMag®-Membran in der Praxisroutine, insbesondere im Vergleich zu klassischen ARP-Methoden?

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus: Die Methode ist für viele Praxen besonders interessant, weil sie reproduzierbar und operativ unkompliziert ist. Die Shield-Technik mit Magnesium ist klar strukturiert, lässt sich mit überschaubarem Zeitaufwand umsetzen und erspart einen zweiten Eingriff. Vor allem im ästhetischen Oberkiefer können Volumenverluste effektiv vermieden werden. Die Kombination aus Kollagenkegel und Magnesiummembran ergänzt bestehende ARP-Konzepte sinnvoll – insbesondere dort, wo der bukkale Knochenaufbau kritisch ist. Ein weiterer Vorteil ist die vereinfachte Handhabung: Es ist keine Lappenpräparation mit zusätzlichen Inzisionen nötig, und die Membran muss weder fixiert noch später entfernt werden. Das Verfahren ist dadurch weniger invasiv für Patientinnen und Patienten und gleichzeitig effizienter in der Anwendung.

Herr Professor Schnutenhaus, vielen Dank für das informative Gespräch.

Ein praxisnahes Fallbeispiel 

Das Fallbeispiel einer Zahnfraktur (Zahn 24) verdeutlicht die einzelnen Schritte der Behandlung. Die Abbildungen zeigen sowohl klinische Situationen als auch Röntgenbefunde.

Abb. 1: Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus.

Prof. Dr. Sigmar Schnutenhaus vor der Posterpräsentation beim 4. Gemeinschaftskongress der zahnmedizinischen Fachgesellschaften Ende 2025 in Berlin.

Der erfahrene Parodontologe und Implantologe präsentierte eine klinische Fallserie, in der der Knochenerhalt nach Extraktionen mittels eines porcinen Kollagenkegels und einer resorbierbaren Magnesiummembran untersucht wurde – ein Ansatz, der das klassische ARP-Konzept erweitert. 

 

© Abb. 1: Dr. Aneta Pecanov-Schröder, Abb. 2-17: Prof. Sigmar Schnutenhaus