#Patientenkomfort 05.01.2026

Allogene Schalentechnik als sichere Alternative

Zweizeitige Augmentation bei komplexen Defekten.

In Situationen mit ausgeprägtem horizontalem und vertikalem Knochenmangel sind sichere und vorhersagbare Augmentationsverfahren entscheidend für eine erfolgreiche Implantatversorgung. Dr. Alina Rüppel stellt in diesem Beitrag eine zweizeitige horizontale Augmentation mittels allogener Schalen (maxgraft® cortico) und partikulärem maxgraft® Granulat vor, kombiniert mit einem externen Sinuslift in den Regionen 14/15 sowie 24–26. Die Falldarstellung zeigt, wie die allogene Schalentechnik eine stabile Grundlage für die Knochenregeneration schafft, bei gleichzeitig hoher Patientenakzeptanz und reduzierter Morbidität.

Einleitung
Bei ausgeprägten horizontalen und vertikalen Defiziten stellt die rekonstruktive Augmentation des Alveolarfortsatzes eine zentrale Voraussetzung für eine vorhersagbare Implantattherapie dar. Fehlt ausreichend Knochenangebot, kommen autologe, allogene, xenogene oder alloplastische Materialien zum Einsatz, jeweils mit spezifischen Vor- und Nachteilen. Während autologe Transplantate lange als Goldstandard galten, zeigt sich in der Praxis eine zunehmende Akzeptanz allogener Materialien. Sie vermeiden die Morbidität einer Entnahmestelle, reduzieren postoperative Beschwerden und ermöglichen häufig kürzere Behandlungszeiten.

Die allogene Schalentechnik mit maxgraft® cortico und maxgraft® granules bietet eine weniger invasive Alternative zur klassischen autologen Blockaugmentation. Die allogenen Schalen werden passgenau auf den Knochen- oder Defektbereich zugeschnitten und mit Osteosyntheseschrauben fixiert. Sie dienen als stabile Begrenzung des Defektraums und schaffen eine kontrollierte Form für das Einbringen von Knochenersatzmaterialien.

Der so definierte Spaltraum wird mit partikulärem Knochenmaterial (allogen oder kombiniert mit autologen Spänen) aufgefüllt. In Verbindung mit einer guten Revaskularisation unterstützt dieses Vorgehen eine zuverlässige Knochenregeneration bei hoher Patientenakzeptanz und planbarer Operationsdauer.

Die folgende Falldarstellung veranschaulicht eine zweizeitige horizontale Augmentation mittels allogener Schalen in Kombination mit einem externen Sinuslift zur vertikalen Augmentation in den Regionen 14/15 sowie 24–26. Die dargestellten Vorgehensweisen und Ergebnisse zeigen die praktische Umsetzung der allogenen Schalentechnik im implantologischen Alltag.

Falldarstellung

Ausgangssituation und Therapieplanung

Ein 53-jähriger, allgemeinmedizinisch unauffälliger Patient wurde von seiner Hauszahnärztin überwiesen und stellte sich mit dem Wunsch nach umfassender Sanierung und festsitzender implantatgetragener Versorgung im Ober- und Unterkiefer vor. Nach ausführlicher Alternativaufklärung zu herausnehmbaren und teilweise festsitzenden prothetischen Versorgungsformen lehnte der Patient beide Optionen ab und wünschte ausdrücklich eine rein implantologische Lösung.

Der klinische Befund zeigte einen retinierten, nach distal verlagerten Zahn 18, einen Wurzelrest 24 sowie eine chronische apikale Parodontitis an Zahn 47. Zudem bestand insbesondere im Oberkiefer ein deutliches horizontales und vertikales Knochendefizit. Nach Angaben des Patienten fehlten die übrigen Oberkieferzähne bereits seit rund acht Jahren.

Vorab wurden die Zähne 18, 24 und 47 atraumatisch entfernt, die Alveolen postoperativ mit PRF versorgt. Eine radiologische Reevaluation mittels DVT erfolgte 1,5 Monate nach den Extraktionen.

Diagnostische Planung im Unter- und Oberkiefer

Die Implantatpositionen im Unterkiefer wurden im Rahmen eines Backward Plannings mit CoDiagnostiX geplant. Vorgesehen waren Straumann® BLT 4.1/12mm-Implantate in den Regionen 46 und 47 sowie BLT 4.1/10mm-Implantate in den Regionen 34 und 36. Eine 3D-gedruckte Schablone ermöglichte die geführte Pilotbohrung.

Im Oberkiefer zeigte das DVT ein ausgeprägtes vertikales Defizit im Bereich des Alveolarfortsatzes sowie beidseitige horizontale Knochendefizite im Sinusbereich, sodass eine einzeitige Implantation in prothetisch optimaler Position nicht möglich war. Nach Aufklärung über autologe und allogene Augmentationsverfahren entschied sich der Patient aufgrund kürzerer Operationszeit und des Verzichts auf einen Entnahmedefekt im Unterkiefer für eine allogene Augmentation und spätere Implantation.

Aufgrund der distalen Kippung der Wurzeln von 13 und 23 wurde in Abstimmung mit der überweisenden Hauszahnärztin die Implantatplanung für den Oberkiefer festgelegt: Implantation in Regio 15 mit geplanter Kronenversorgung und Anhänger 14 sowie in den Regionen 25 und 26 mit geplanter Kronenversorgung und Anhänger 24.

Erster chirurgischer Eingriff: Implantation im Unterkiefer und allogene Augmentation im Oberkiefer

Zwei Monate nach den Extraktionen erfolgte der erste Eingriff. Bereits am Vorabend erhielt der Patient eine antibiotische Prophylaxe mit Amoxicillin 1000 mg (1–1–1 für fünf Tage).

Im Unterkiefer konnten die Implantate wie geplant inseriert werden: Straumann® BLT 4.1/12mm in den Regionen 46 und 47 sowie 4.1/10mm in 34 und 36, jeweils mit Verschlussschrauben zur subgingivalen Einheilung.

Im Oberkiefer wurde eine umfassende Augmentation durchgeführt. Die Schnittführung erfolgte krestal in den Regionen 14/25 sowie 24–26 und marginal an den Zähnen 13, 16, 23 und 27, jeweils mit vestibulären Entlastungsinzisionen an 13 und 23. Nach Mobilisation des mukoperiostalen Lappens wurde beidseits die faziale Kieferhöhlenwand dargestellt. Mittels Safescraper konnten in den Regionen 14/15 sowie 24–26 ausreichend autologe Knochenspäne gewonnen werden. Anschließend erfolgte die Präparation eines lateralen Kieferhöhlenfensters auf beiden Seiten mithilfe eines diamantierten Kugelbohrers. Die Elevation der Schneider’schen Membran verlief komplikationslos; die Membran zeigte eine atemsynchrone Bewegung ohne Hinweis auf Perforationen.

Adaptation und Fixation der allogenen Schalen

Die allogenen Platten (maxgraft® cortico) wurden passgenau auf die Defekte in den Regionen 14/15 sowie 24–26 angepasst und zuvor zehn Minuten in Kochsalzlösung rehydriert. Nach der Vorbohrung erfolgte die Fixation der Schalen mit je zwei 1.2 × 9 mm Osteosyntheseschrauben pro Seite. Scharfe Kanten wurden sorgfältig geglättet, um Weichgewebsirritationen zu vermeiden.

Der durch die Schalen definierte Spaltraum wurde anschließend vollständig mit einem Gemisch aus autologen Knochenspänen und allogenen maxgraft® granules aufgefüllt. Überstände des Materials wurden zur zusätzlichen Konturierung der Defekte genutzt. Abschließend wurden die augmentierten Bereiche mit einer Kollagenmembran abgedeckt, um eine Weichgewebsmigration zu verhindern.

Der Wundverschluss erfolgte speicheldicht und spannungsfrei mittels Rückstich- und Einzelknopfnähten (Glykolon 5-0). Die Einheilzeit bis zur geplanten Implantation im Oberkiefer betrug vier Monate. Die Implantatpositionen wurden im Vorfeld anhand eines DVT und mittels CoDiagnostiX präzise geplant; zusätzlich wurde eine Bohrschablone für die Pilotbohrung angefertigt.

Zweiter chirurgischer Eingriff: Implantation im Oberkiefer und Kontrolle der Augmentation

Vier Monate nach der primären Augmentation erfolgte der zweite operative Eingriff. Präoperativ erhielt der Patient eine antibiotische Prophylaxe mit zwei Tabletten Amoxicillin 1000 mg eine Stunde vor OP-Beginn.

Die Schnittführung erfolgte krestal in den Regionen 14/15 sowie 24–26 und marginal an den Zähnen 13, 16, 23 und 27 – diesmal ohne vestibuläre Entlastungsinzisionen. Nach Mobilisation des Lappens konnten die augmentierten Bereiche freigelegt werden. Dabei zeigte sich eine äußerst zufriedenstellende und suffiziente Verknöcherung des zuvor aufgebauten horizontalen Defekts.

Zunächst wurden die Osteosyntheseschrauben aus dem Augmentat entfernt. Anschließend erfolgte die Implantatbettaufbereitung gemäß dem vorgesehenen Bohrprotokoll. In den Regionen 15, 25 und 26 konnten Straumann® BLT-Implantate (4.1/10 mm) primärstabil inseriert und mit Verschlussschrauben zur subgingivalen Einheilung versehen werden. Die überkonturierten Bereiche der allogenen Knochenschale wurden mithilfe eines diamantierten Kugelbohrers vorsichtig geglättet bzw. reduziert, um eine harmonische Knochenkontur für günstige Weichgewebsverhältnisse zu gewährleisten.

Der Wundverschluss erfolgte speicheldicht und ohne Spannung mittels Einzelknopfnähten (Glykolon 5-0). Zeitgleich wurden im Unterkiefer die zuvor inserierten Implantate in den Regionen 46, 47, 34 und 36 freigelegt.

Nachsorge und prothetische Versorgung

Die postoperativen Kontrollen zeigten eine komplikationslose Wundheilung sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer. Die Einheilung der Implantate verlief planmäßig, ohne Anzeichen von Infektionen oder Weichgewebskomplikationen.

Die weitere prothetische Versorgung, einschließlich Kronen- und Brückenversorgungen auf den inserierten Implantaten, erfolgte bei der überweisenden Hauszahnärztin. Die Planung und Umsetzung der festsitzenden Versorgung konnte somit nahtlos an die implantologisch geschaffenen Voraussetzungen anknüpfen und die gewünschten funktionellen sowie ästhetischen Ergebnisse erzielen.

Chirurgische Vorteile und praxisnahe Umsetzung der allogenen Schalentechnik

Die allogene Schalentechnik bietet eine Reihe praktischer Vorteile: Die kortikal stabilen Platten gewährleisten zuverlässige Raumhaltung und lassen sich flexibel zuschneiden und fixieren. In Kombination mit Granulaten und patienteneigenem Material wie PRF oder autologen Spänen unterstützen sie die Knochenregeneration effektiv. Ein sicherer, spannungsfreier Wundverschluss und die kontrollierte Defektauffüllung fördern eine stabile Einheilung.

Für die praktische Umsetzung ist es wichtig, die Herstellerangaben zur Rehydratation der Schalen zu beachten. Scharfe Kanten sollten mit feinkörnigem rotierendem Instrumentarium (diamantierte Kugel oder Trennscheibe) abgerundet und geglättet werden. Granulate lassen sich problemlos mit autologen Spänen oder biologischen Additiven kombinieren. Die Fixation der Schalen zur Schaffung von „Raum und Ruhe“ erfolgt mit Hilfe von Osteosyntheseschrauben.

Insgesamt ermöglicht die Technik im Vergleich zur autologen Schalentechnik oder zu Blocktransplantaten eine kürzere Operationszeit bei vergleichbarer Komplikationsrate, vermeidet die Entnahmemorbidität und ermöglicht durch die gute Raumhaltung und langsame Remodellierung eine zuverlässige Knochenneubildung.

Fazit für die Praxis

Die zweizeitige horizontale Augmentation mittels allogener Schalen (maxgraft® cortico) in Kombination mit partikulärem maxgraft® granula und einem externen Sinuslift hat sich als sichere, vorhersagbare und patientenfreundliche Methode bewährt. Sie ermöglicht eine effiziente Knochenregeneration ohne die Entnahmemorbidität autologer Transplantate, verkürzt die Operationszeit und reduziert postoperative Belastungen. Die allogenen Schalen gewährleisten eine stabile Raumhaltung, während die Granulate in Kombination mit patienteneigenem Material wie autologen Spänen und PRF die Knochenneubildung unterstützen.

Ein präziser, spannungsfreier Wundverschluss und die sorgfältige Anpassung der Schalen fördern die Einheilung und die planbare Implantatinsertion.

Systematische Fallserien und klinische Studien belegen die Effektivität der allogenen Schalentechnik [Öffentliche Dateifreigabe - Nextcloud, Zuletzt aufgerufen 01.12.2025].

Die Ergebnisse zeigen vergleichbare Erfolgsraten wie bei autologen Verfahren, bei gleichzeitig verkürzter Operationsdauer. Große, randomisierte Langzeitstudien sind noch begrenzt, die bisher vorliegenden Daten sind jedoch vielversprechend. Insgesamt bietet dieses Verfahren eine praxisnahe, effektive Lösung für die Rekonstruktion von horizontalen und vertikalen Defekten und schafft eine verlässliche Basis für die spätere implantatgetragene Versorgung.

Danksagung

Ein besonderer Dank gilt meinen beiden Mentoren, Dr. Dr. Fialka und Dr. Dr. Fricke, für ihre kontinuierliche Förderung, ihre fachliche Unterstützung und die Vermittlung der chirurgischen Fähigkeiten.

(Alle Abbildungen: Dr. Alina Rüppel)

Literatur

Heimes D, Pabst A, Becker P, Hartmann A, Kloss F, Tunkel J, Smeets R, Kämmerer PW. Comparison of morbidity-related parameters between autologous and allogeneic bone grafts for alveolar ridge augmentation from patients' perspective-A questionnaire-based cohort study. Clin Implant Dent Relat Res. 2024 Feb;26(1):170-182. doi: 10.1111/cid.13242. Epub 2023 Jul 12. PMID: 37438839.

Tunkel J, Hoffmann F, Schmelcher Y, Kloss-Brandstätter A, Kämmerer PW. Allogeneic versus autogenous shell technique augmentation procedures: a prospective-observational clinical trial comparing surgical time and complication rates. Int J Implant Dent. 2023 Dec 20;9(1):52. doi: 10.1186/s40729-023-00505-y. PMID: 38117445; PMCID: PMC10733239.

Kovac Z, Cabov T, Blaskovic M, Morelato L. Regeneration of Horizontal Bone Defect in Edentulous Maxilla Using the Allogenic Bone-Plate Shell Technique and a Composite Bone Graft-A Case Report. Medicina (Kaunas). 2023 Mar 2;59(3):494. doi: 10.3390/medicina59030494. PMID: 36984495; PMCID: PMC10053208.

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