Einführung
Neben einer stabilen Osseointegration hängt der Langzeiterfolg von Dentalimplantaten auch von einer adäquaten Weichgewebekonditionierung und dem Erhalt von gesunden periimplantären Weichgeweben ab. Ein natürlich aussehendes und gut konturiertes Emergenzprofil ist für die Funktion und Ästhetik der implantatprothetischen Versorgung unverzichtbar, insbesondere in der ästhetischen Zone und im sichtbaren Seitenzahnbereich. Bislang wurden für das Verfahren mehrere Schritte und Komponenten benötigt, darunter provisorische Versorgungen und Scankörper. Obgleich effektiv, können diese zusätzlichen Schritte die Komplexität der Behandlung erhöhen und die Zeit am Behandlungsstuhl verlängern. Das mehrfache Austauschen von Komponenten geht zudem mit einem Risiko für nachteilige Auswirkungen auf die Weichgewebearchitektur einher.
Der neue Straumann® anatomische Gingivaformer (AHA) ist eine innovative Komponente, die für optimierte Implantat-Workflows und Weichgewebeergebnisse entwickelt wurde. Anders als herkömmliche Gingivaformer zeichnet sich der AHA durch eine anatomische Form aus, die das natürliche Emergenzprofil der endgültigen Restauration nachbildet und das Weichgewebe während der Heilungsphase formt und abstützt. Darüber hinaus eliminiert die integrierte Scan-Oberfläche die Notwendigkeit für einen separaten Scankörper, da der AHA direkt gescannt werden kann und vor der digitalen intraoralen Abformung nicht entfernt werden muss. Dadurch wird der prothetische Workflow vereinfacht und das Risiko für einen Kollaps oder Verletzungen des periimplantären Weichgewebes infolge von mehrfachen Interventionen wird minimiert.
Dieser Fallbericht beschreibt die klinische Anwendung und die Vorteile des Straumann® AHA am Beispiel eines 38-jährigen Patienten mit Sofortimplantation eines Straumann® Implantats nach Extraktion eines nicht erhaltungswürdigen UK-Molaren mit Vertikalfraktur (Regio #37). Der AHA wurde verwendet, um die Weichgewebeheilung zu unterstützen, ein stabiles Emergenzprofil auszuformen und zu erhalten und um eine volldigitale intraorale Abformung ohne zusätzliche Provisoriumskomponenten zu ermöglichen. Die Behandlung war nach zwei Monaten abgeschlossen und erzielte exzellente funktionelle und ästhetische Ergebnisse. Dieser Fallbericht zeigt, dass der AHA die Workflow-Effizienz steigern, die klinischen Schritte reduzieren und ein vorhersagbares Weichgewebemanagement im Kontext der modernen Dentalimplantologie unterstützen kann.
Ausgangslage
Ein 38-jähriger Patient stellte sich in unserer Praxis vor und klagte über Schmerzen im linken Unterkiefer-Seitenzahnbereich. Er hatte sich im Vorfeld über die Behandlungsoptionen informiert und bekundete Interesse an einer Implantatbehandlung. Sollte sein Zahn nicht gerettet werden können, wünschte er wenn möglich eine Sofortimplantation. Der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten war gut, er war Nichtraucher, hatte keine bekannten Allergien und nahm keine Medikamente ein.
Die intraorale Untersuchung ergab eine Vertikalfraktur von Zahn #37 mit Sondierungstiefen bis 12 mm, Blutung auf Sondierung und Klopfschmerz. Der Kältetest mit CO2 war negativ, der Zahn reagierte nicht mehr empfindlich.
Die Röntgenaufnahme bestätigte die Vertikalfraktur und ein adäquates vertikales und horizontales Knochenangebot mit günstigen Bedingungen für eine Sofortimplantation.
Behandlungsplanung
Der Behandlungs-Workflow beinhaltete die nachstehenden Schritte:
- Atraumatische Extraktion des nicht erhaltungswürdigen Zahns #37
- Straumann BLC™ Roxolid® SLActive® Implantat, ∅ 4,5 mm, Länge 10 mm
- Einbringen von Knochenregenerationsmaterial in den periimplantären Spaltraum in Regio #37
- Platzierung des AHA
- Intraorale digitale Abformung mit dem platzierten AHA
- Eingliederung der definitiven verschraubten monolithischen Zirkondioxid-Krone auf dem Implantat in Regio # 37.
Chirurgisches Verfahren
Blockade des N. mandibularis durch Injektion von Lidocain 2 % plus Epinephrin 1:100.000. Atraumatische Extraktion von Zahn #37. Der Zahn wurde in zwei Teile zersägt, die anschließend vorsichtig aus dem Situs entfernt wurden (Abb. 1–4).
Nach der Extraktion von Zahn #37 wurde eine Osteotomie gebohrt; die Implantatbettpräparation erfolgte gemäß den Angaben in der Gebrauchsanweisung des Implantatherstellers (Abb. 5–8).
Ein Straumann BLC™ Roxolid® SLActive® (WB) Implantat mit einem Durchmesser von ∅ 4,5 mm und einer Länge von 10 mm wurde in das Implantatbett in Regio #37 gesetzt und mit 40 Ncm angezogen, sodass Primärstabilität erreicht wurde (Abb. 9). Die Zahnlücke wurde sorgfältig ausgemessen, um eine optimale periimplantäre Weichgewebeheilung und -konturierung sicherzustellen. Beim Einbringen des Implantats in seine endgültige Position wurde sorgfältig darauf geachtet, die runden Vertiefungen am Implantat-Eindrehwerkzeug nach bukkal-lingual auszurichten, um eine exakte Positionierung zu gewährleisten (Abb. 10).
Der SCS Schraubendreher wurde in den Antrieb der vormontierten selbsthaltenden Schraube eingesetzt, um den AHA aus der Packung aufzunehmen (Abb. 11,12).
Der AHA wurde zur Prüfung der Passgenauigkeit in das Implantat platziert und anschliessend wieder entfernt, um einen herkömmlichen Gingivaformer einzusetzen. Dank des platzierten Gingivaformers konnte das Knochenregenerationsmaterial cerabone® plus für die Kieferkammerhaltung problemlos eingebracht werden (Abb. 13,14).
Danach wurde der Gingivaformer wieder entfernt und der AHA platziert. Der AHA wurde mit 14 Ncm handfest angezogen. Das abgeflachte Scankörper-Merkmal des AHA wurde nach bukkal ausgerichtet (Abb. 15–17).
Der Schraubenkanal wurde verschlossen und der augmentierte Bereich mit Nahtmaterial gesichert (Abb. 18,19).
Der Patient erhielt postoperative Mundhygiene-Instruktionen, und es wurde ein Termin für die Entfernung der Nähte und die routinemäßige Nachuntersuchung vereinbart.
Ein Center of Dental Education (CoDE) ist ein Zentrum für zahnmedizinische Aus- und Fortbildung, das in ein Netzwerk von unabhängigen zahnmedizinischen Zentren auf der ganzen Welt eingebettet ist, die für Exzellenz in der zahnmedizinischen Versorgung stehen und – basierend auf Veröffentlichungen in der einschlägigen Fachliteratur und den neuesten Technologien – die modernsten und fortschrittlichste Behandlungsverfahren anbieten. CoDEs bilden den Schnittpunkt zwischen Wissenschaft und Praxis in einer realen klinischen Umgebung.
Prothetisches Verfahren
Zwei Monate später fand der Termin für das prothetische Verfahren statt. Der AHA wurde gründlich gereinigt und inspiziert, um sicherzustellen, dass er keine sichtbaren Defekte aufwies. Ein großer Vorteil des AHA ist, dass man ihn nicht entfernen und gegen einen Scankörper austauschen muss, da er direkt gescannt werden kann. Dann wurde die intraorale Situation mit dem platzierten AHA gescannt. Der Intraoralscan wurde mit dem Straumann SIRIOS™ System durchgeführt (Abb. 20,21).
Die zukünftige Restauration wurde digital geplant. Die digitale Planung ermöglicht eine vollständige 3D-Visualisierung inklusive aller Einzelheiten des lingualen Aspekts und eine präzise Konstruktion und Herstellung der definitiven Restauration (Abb. 22 – 24).
Der AHA wurde aus dem Mund des Patienten entfernt. Das natürlich ausgeformte Zahnfleisch entsprach dem geplanten Emergenzprofil der definitiven Restauration (Abb. 25 – 27).
Die definitive monolithische Zirkondioxid-Krone wurde gefräst und mit Dentalzement auf ein Straumann® Variobase® Sekundärteil geklebt. Die Gingivahöhe des Sekundärteils entsprach der des AHA. Dann wurde die Restauration in das Implantat platziert und mit 35 Ncm angezogen. Das ästhetische Ergebnis sowie die zentrische und exzentrische Okklusion wurden geprüft und als zufriedenstellend befunden. Nach einer letzten Kontrolle wurde das Schraubenzugangsloch mit PTFE-Folie verschlossen und mit einem fliessfähigen Komposit versiegelt. (Abb. 28 – 31).
Der Patient erhielt eine Mundhygieneinstruktion und es wurden Nachuntersuchungstermine vereinbart.
Behandlungsergebnisse
Die Behandlung war nach etwa zwei Monaten abgeschlossen. Während der gesamten Behandlungsphase berichtete der Patient keinerlei Beschwerden. Dank des anatomischen Gingivaformers (AHA) konnten wir die intraorale Situation präzise scannen und gleichzeitig eine optimale Weichgewebeheilung unterstützen. Dieser Ansatz vereinfacht die Behandlung und spart Zeit und Kosten, da keine provisorische Versorgung benötigt wird. Der AHA spielte eine Schlüsselrolle, da er eine komplikationsfreie Genesung und eine effiziente Osseointegration des Implantats sicherstellte und zu exzellenten funktionellen und ästhetischen Ergebnissen führte.
Testimonal des Verfassers
„Dank der Verwendung des Straumann® anatomischen Gingivaformers bei diesem Patientenfall mit Sofortimplantation konnten wir den Workflow auf eine Weise optimieren, die sowohl klinisch effizient war als auch die biologischen Prinzipien der Heilung berücksichtigte. Die Möglichkeit, das Weichgewebe zu formen und die Heilung zu unterstützen und gleichzeitig direkte digitale Abformungen vornehmen zu können, verkürzte die Behandlungsdauer und erhöhte den Patientenkomfort. Diese Behandlungserfahrung bestätigte den Nutzen, den die Einbindung von innovativen Komponenten bietet, die Präzision und Einfachheit im Kontext der modernen Dentalimplantologie unterstützen.“
Léon Pariente und Karim Dada