März 2026 · Oral Health Insights · Erste Ausgabe / 2026
Zusammenfassung
Der Global Oral Health Status Report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2022 zählt zu den bedeutendsten Veröffentlichungen zur Mundgesundheit der vergangenen Jahrzehnte. Trotz seiner Relevanz ist er außerhalb von Fachkreisen bislang überraschend wenig bekannt.
Seine zentrale Botschaft ist eindrucksvoll: Erkrankungen der Mundhöhle sind die weltweit am weitesten verbreiteten Gesundheitsprobleme. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung ist betroffen – mehr Menschen als von allen großen nichtübertragbaren Krankheiten zusammen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und chronische Atemwegserkrankungen.
Mehr als 3,5 Milliarden Menschen leben mit unbehandelten Erkrankungen der Mundhöhle. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten ist diese Zahl um eine Milliarde gestiegen. Die Folgen reichen weit über den Mund hinaus und beeinträchtigen Ernährung, Bildung, Beschäftigung, Wohlbefinden sowie die wirtschaftliche Produktivität.
Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts zusammen, erläutert, warum Mundgesundheit einen deutlich höheren Stellenwert in der globalen öffentlichen Gesundheit einnehmen sollte, und zeigt auf, welche Bedeutung diese Erkenntnisse für Zahnärztinnen und Zahnärzte, politische Entscheidungsträger sowie Organisationen haben, die den Zugang zur Mundgesundheit verbessern möchten.
In diesem Beitrag
- Die häufigsten Krankheiten der Welt, über die kaum gesprochen wird
- Das Ausmaß der Herausforderung
- Die Erkrankungen hinter den Zahlen
- Warum Erkrankungen der Mundhöhle weiterhin so weit verbreitet sind
- Die wirtschaftlichen Folgen einer schlechten Mundgesundheit
- Warum Gesundheitssysteme Schwierigkeiten haben, Mundgesundheit sicherzustellen
- Warum Fluorid weiterhin unverzichtbar ist
- Was dies für Zahnärztinnen und Zahnärzte bedeutet
- Von wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Handeln
- Eine neue Perspektive auf die globale Mundgesundheit
- Literatur
Die häufigsten Krankheiten der Welt, über die kaum gesprochen wird
Mundgesundheit wird häufig als individuelles Thema betrachtet und nicht als Priorität der öffentlichen Gesundheit.
Der WHO-Bericht zeigt jedoch deutlich, dass diese Sichtweise überholt ist. Erkrankungen der Mundhöhle gehören zu den größten globalen Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und bleiben dennoch in Gesundheitspolitik, Präventionsstrategien und der Gesundheitsversorgung weitgehend unbeachtet.
Mehr als 3,5 Milliarden Menschen leben mit unbehandelten Erkrankungen der Mundhöhle. Trotz dieser enormen Belastung hat die Mundgesundheit im Vergleich zu vielen anderen Gesundheitsbereichen historisch deutlich weniger Aufmerksamkeit und Investitionen erhalten.
Der Bericht schafft erstmals eine umfassende globale Ausgangsbasis, um Fortschritte bei der Integration der Mundgesundheit in die universelle Gesundheitsversorgung sowie in Strategien gegen nichtübertragbare Krankheiten zu messen.
Erkrankungen der Mundhöhle gehören zu den weltweit häufigsten Gesundheitsproblemen und sind zugleich eine der am wenigsten wahrgenommenen Herausforderungen der globalen öffentlichen Gesundheit.
Das Ausmaß der Herausforderung
Der WHO-Bericht liefert überzeugende Belege dafür, dass Erkrankungen der Mundhöhle eine enorme und weiter wachsende globale Gesundheitsbelastung darstellen.
Erkrankungen der Mundhöhle übertreffen die Belastung durch andere nichtübertragbare Krankheiten
Erkrankungen der Mundhöhle gelten heute als die weltweit häufigste Krankheitsgruppe.
Zusammengenommen betreffen sie mehr Menschen als Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes und alle Krebserkrankungen zusammen.
Dieses auffällige Ungleichgewicht verdeutlicht die große Lücke zwischen tatsächlicher Krankheitslast und politischer Aufmerksamkeit.
Auf einen Blick
- Mehr als 3,5 Milliarden Menschen leben mit Erkrankungen der Mundhöhle.
- Erkrankungen der Mundhöhle stellen die weltweit häufigste Krankheitsgruppe dar.
- Nahezu die Hälfte der Weltbevölkerung ist betroffen.
Die Belastung wächst schneller als die Weltbevölkerung
Zwischen 1990 und 2019:
- Die Weltbevölkerung wuchs um 45 %.
- Die Zahl der Erkrankungen der Mundhöhle stieg um 50 %.
- Mehr als eine Milliarde zusätzliche Krankheitsfälle wurden registriert.
Diese Entwicklung zeigt, dass die steigende Zahl der Erkrankungen nicht allein auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen ist. Sie verdeutlicht anhaltende Defizite in Prävention, Gesundheitspolitik und beim Zugang zur Versorgung.
Erkrankungen der Mundhöhle betreffen alle – aber nicht gleichermaßen
Erkrankungen der Mundhöhle kommen in allen Ländern und Einkommensgruppen vor. Ihre Auswirkungen sind jedoch ungleich verteilt.
Rund 75 % aller Fälle entfallen auf Länder mit mittlerem Einkommen. Besonders schwere Krankheitsverläufe und deren Folgen betreffen überproportional Menschen mit geringem Einkommen, niedrigerem Bildungsniveau, Menschen mit Behinderungen, ländliche Bevölkerungsgruppen sowie Minderheiten.
Eine ähnliche Häufigkeit bedeutet nicht dieselben Lebensrealitäten. Soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen entscheiden häufig darüber, ob Menschen Zugang zu präventiver Versorgung erhalten oder mit Schmerzen, Zahnverlust und vermeidbaren Komplikationen leben müssen.
Die Erkrankungen hinter den Zahlen
Der WHO-Bericht hebt mehrere Erkrankungen der Mundhöhle hervor, die zusammen den überwiegenden Teil der weltweiten Krankheitslast ausmachen.
Zahnkaries
Zahnkaries ist nach wie vor die häufigste Erkrankung weltweit.
Mehr als zwei Milliarden Menschen leben mit unbehandelter Karies an bleibenden Zähnen. Weitere 514 Millionen Kinder haben unbehandelte Karies an ihren Milchzähnen.
Der Bericht betont, dass Karies nicht allein durch individuelles Verhalten entsteht. Sie wird ebenso durch einen hohen Zuckerkonsum, eine unzureichende Fluoridversorgung, eingeschränkten Zugang zur zahnmedizinischen Versorgung sowie durch kommerzielle Einflussfaktoren begünstigt.
Schwere Parodontalerkrankungen
Mehr als eine Milliarde Menschen sind von schweren Parodontalerkrankungen betroffen.
Zwischen Parodontalerkrankungen, Tabakkonsum, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehen enge Zusammenhänge. Dies unterstreicht die enge Verbindung zwischen Mundgesundheit und allgemeiner Gesundheit.
Zahnlosigkeit
Vollständiger Zahnverlust betrifft weltweit rund 350 Millionen Menschen.
Bei Erwachsenen ab einem Alter von 60 Jahren hat nahezu jede vierte Person alle natürlichen Zähne verloren.
Zahnlosigkeit ist häufig das Ergebnis lebenslanger Ungleichheiten bei Prävention, Behandlung und dem Zugang zu restaurativer Versorgung.
Mundhöhlenkrebs
Jährlich werden weltweit rund 377.000 neue Fälle von Mundhöhlenkrebs diagnostiziert. Fast 178.000 Menschen sterben jedes Jahr an dieser Erkrankung.
Die höchste Krankheitslast findet sich in Süd- und Südostasien, wo Tabakkonsum, Alkoholkonsum und das Kauen von Betelnüssen zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen.
Weitere bedeutende Erkrankungen
Der Bericht weist außerdem auf weitere wichtige Erkrankungen der Mundgesundheit hin, darunter:
- Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten
- Noma
- Traumatische Zahnverletzungen
Obwohl diese Erkrankungen seltener auftreten, gehen sie häufig mit erheblichen medizinischen, psychischen und sozialen Folgen einher.
„Wenn ich mich zwischen dem Kauf von Lebensmitteln und dem Kauf einer Zahnbürste entscheiden muss, entscheide ich mich für Lebensmittel. Und wenn ich die Wahl habe, entweder zum Zahnarzt zu gehen oder dafür zu sorgen, dass meine Familie überlebt, entscheide ich mich dafür, zu arbeiten und für sie zu sorgen.“ – ein typisches Zitat.
Warum Erkrankungen der Mundhöhle weiterhin so weit verbreitet sind
Der Bericht macht deutlich, dass Erkrankungen der Mundhöhle nicht allein durch individuelles Verhalten entstehen.
Sie teilen viele der gleichen zugrunde liegenden Risikofaktoren wie andere nichtübertragbare Krankheiten.
Dazu gehören:
- Hoher Zuckerkonsum
- Tabakkonsum
- Schädlicher Alkoholkonsum
- Schlechte Lebensbedingungen
- Eingeschränkter Zugang zu Präventionsmaßnahmen
- Soziale Ungleichheiten
Die WHO weist außerdem auf den zunehmenden Einfluss sogenannter kommerzieller Determinanten der Gesundheit hin.
Unternehmen, die zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke, Tabakprodukte oder alkoholische Getränke herstellen, beeinflussen das Konsumverhalten durch Marketing, Lobbyarbeit und Preisgestaltung. Dadurch werden gesunde Entscheidungen für viele Menschen erschwert.
Eine nachhaltige Verbesserung der Mundgesundheit erfordert daher mehr als eine gute zahnmedizinische Versorgung. Sie setzt unterstützende politische Rahmenbedingungen, gesundheitsfördernde Lebenswelten und eine konsequente Stärkung der Prävention voraus.
Die wirtschaftlichen Folgen einer schlechten Mundgesundheit
Eine unzureichende Mundgesundheit verursacht weltweit erhebliche wirtschaftliche Belastungen.
Laut WHO-Bericht:
- Die jährlichen Ausgaben für zahnmedizinische Behandlungen belaufen sich weltweit auf mehr als 387 Milliarden US-Dollar.
- Hinzu kommen Produktivitätsverluste von rund 323 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Der Bericht macht zugleich deutliche Unterschiede bei den Investitionen in die Mundgesundheit sichtbar.
Während Länder mit hohem Einkommen durchschnittlich rund 260 US-Dollar pro Person und Jahr investieren, liegt dieser Wert in Ländern mit niedrigem Einkommen bei lediglich etwa 0,52 US-Dollar.
Diese Unterschiede spiegeln Gesundheitssysteme wider, die Behandlung häufig höher gewichten als Prävention und gleichzeitig Millionen Menschen keinen Zugang zu einer grundlegenden zahnmedizinischen Versorgung ermöglichen.
Warum Gesundheitssysteme Schwierigkeiten haben, Mundgesundheit sicherzustellen
Die WHO kommt zu dem Schluss, dass die Mundgesundheit in vielen Ländern noch immer unzureichend in die allgemeinen Gesundheitssysteme integriert ist.
Häufig ist die zahnmedizinische Versorgung gekennzeichnet durch:
- Hohe Eigenbeteiligungen der Patientinnen und Patienten
- Eine starke Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Zahnarztpraxen
- Begrenzten Versicherungsschutz
- Eine unzureichende Einbindung in die primäre Gesundheitsversorgung
- Einen stärkeren Fokus auf Behandlung als auf Prävention
Auch die Verteilung des zahnmedizinischen Fachpersonals stellt eine große Herausforderung dar.
Rund 80 % aller Zahnärztinnen und Zahnärzte arbeiten in Ländern mit hohem oder gehobenem mittlerem Einkommen, während viele ländliche Regionen und unterversorgte Bevölkerungsgruppen weiterhin unter einem erheblichen Mangel an Fachkräften leiden.
Warum Fluorid weiterhin unverzichtbar ist
Fluorid zählt nach wie vor zu den wirksamsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Zahnkaries.
Der Zugang dazu ist jedoch weltweit sehr ungleich verteilt.
In einigen Ländern mit niedrigem Einkommen kostet fluoridhaltige Zahnpasta mehrere Tageslöhne. Gleichzeitig scheitert die Fluoridierung von Trinkwasser häufig an fehlender Infrastruktur.
Dadurch haben Millionen von Familien keinen Zugang zu einer der einfachsten, wirksamsten und kostengünstigsten Maßnahmen zur Prävention von Karies.
Was dies für Zahnärztinnen und Zahnärzte bedeutet
Der WHO-Bericht erweitert die Rolle der Zahnmedizin weit über die klinische Behandlung hinaus.
Er beschreibt Zahnärztinnen und Zahnärzte als unverzichtbare Akteure der öffentlichen Gesundheit, der Prävention, der Gesundheitsbildung und der gesundheitlichen Chancengleichheit.
Dies umfasst unter anderem:
Mundgesundheit und allgemeine Gesundheit miteinander verbinden
Frühzeitiges Erkennen allgemeiner Gesundheitsprobleme unterstützen und Patientinnen und Patienten besser über den Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und allgemeiner Gesundheit informieren.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit stärken
Eng mit Dentalhygienikerinnen und Dentalhygienikern, Dentaltherapeutinnen und -therapeuten, Community Health Workers sowie interdisziplinären Gesundheitsteams zusammenarbeiten.
Digitale Innovationen nutzen
Digitale Diagnostik, Telemedizin in der Zahnmedizin, Künstliche Intelligenz und mobile Gesundheitstechnologien einsetzen, um den Zugang zur Versorgung sowie die Kontinuität der Behandlung zu verbessern.
Zugang und Bezahlbarkeit verbessern
Sich für präventive Leistungen einsetzen und Programme unterstützen, die unterversorgte Bevölkerungsgruppen erreichen.
Zur Verbesserung der Datenlage beitragen
An Überwachungssystemen, Registern und wissenschaftlichen Studien mitwirken, um die weltweite Datenbasis zur Mundgesundheit zu stärken.
Gesundheitspolitik mitgestalten
Dazu beitragen, dass Mundgesundheit vollständig in nationale und internationale Gesundheitsstrategien integriert wird.
Von wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Handeln
Für die Straumann Group Foundation bestätigt der WHO-Bericht einen zentralen Grundsatz:
Eine nachhaltige Verbesserung der Mundgesundheit lässt sich nicht allein durch die Bereitstellung von Behandlungen erreichen.
Gemeinschaften stehen häufig gleichzeitig vor mehreren Hürden – fehlendem Bewusstsein, mangelnder Verfügbarkeit von Angeboten, eingeschränktem Zugang und finanziellen Barrieren. Wird nur eine dieser Herausforderungen adressiert, entsteht nur selten eine nachhaltige Veränderung.
Diese Erkenntnis prägt den Ansatz der Straumann Group Foundation.
Die Programme konzentrieren sich darauf,
- lokale Kapazitäten im Bereich der Mundgesundheit auszubauen,
- Mundgesundheit stärker in die gemeindenahe Gesundheitsversorgung zu integrieren,
- finanzielle Hürden abzubauen,
- Prävention und Aufklärung zu fördern,
- lokale Verantwortung zu stärken und
- nachhaltige Strukturen innerhalb der Gemeinschaften aufzubauen.
Ziel ist es nicht, Abhängigkeiten zu schaffen, sondern starke lokale Strukturen, qualifizierte Fachkräfte und gesündere Gemeinschaften dauerhaft zu hinterlassen.
Eine neue Perspektive auf die globale Mundgesundheit
Der Global Oral Health Status Report ist weit mehr als eine Sammlung statistischer Daten.
Er verändert grundlegend die Sichtweise darauf, wie Mundgesundheit verstanden werden sollte.
Der Bericht stellt den Zusammenhang zwischen Mundgesundheit, Armut, Bildung, gesundem Altern, kommerziellen Einflussfaktoren, Nachhaltigkeit und gesundheitlicher Chancengleichheit her.
Seine Botschaft ist eindeutig:
Eine universelle Gesundheitsversorgung und gesündere Gesellschaften sind ohne eine Verbesserung der Mundgesundheit nicht erreichbar.
Für Regierungen, Gesundheitsdienstleister, Nichtregierungsorganisationen, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Organisationen wie die Straumann Group Foundation bietet der Bericht sowohl einen Orientierungsrahmen als auch einen klaren Aufruf zum gemeinsamen Handeln.
Über den Autor
Direktor und Leiter der Straumann-Gruppenstiftung
Literatur
World Health Organization. Global oral health status report: Towards universal health coverage for oral health by 2030. Geneva: World Health Organization; 2022
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