ClearCorrect®
Das ClearCorrect® Aligner-System (Straumann Group) wurde 2006 auf den Markt gebracht und mit ihm eine innovative Software zur Diagnostik und Behandlungsplanung eingeführt. Das Produkt hat sich rasch zu einer der ästhetischsten Optionen zur Zahnbewegung entwickelt und beruht auf dem sukzessiven Einsatz mehrerer Schienen für eine schrittweise Korrektur von Zahnfehlstellungen. ClearCorrect® basiert auf Informationen, die aus 3D-Bildern der Zähne der Patienten gesammelt werden, die Bilder entweder anhand einer Silikonabformung oder mit einem Intraoralscanner erstellt werden (Abb. 1). Die Behandlung wird mithilfe der zugehörigen Planungssoftware ClearPilot™ (Abb. 2) virtuell simuliert und die benötigten Schienen werden serienmässig hergestellt. Dabei kann das Protokoll je nach Verlauf der Behandlung individuell angepasst werden. ClearCorrect® zeichnet sich ausserdem durch eine hohe Flexibilität aus und ähnelt damit anderen Systemen, bietet im Unterschied zu diesen jedoch die Möglichkeit, im Verlauf der Behandlung Änderungen vorzunehmen, da nicht alle Aligner sofort zu Beginn hergestellt werden müssen.
Ein weiterer grosser Vorteil des Systems ist die umfassende Unterstützung für Zahnärzte, insbesondere durch die digitale Simulation der geplanten kieferorthopädischen Korrekturen. Dies ermöglicht eine bildliche Darstellung des Behandlungsverlaufs, mit deren Hilfe die Patienten anschaulich informiert und starker in den Prozess eingebunden werden können.
Die ClearCorrect®-Aligner bestehen aus ClearQuartz™, einem mehrschichtigen Polyurethan, das speziell mit Blick auf Flexibilität und Festigkeit entwickelt wurde. Damit lassen sich verschiedene Arten von Malokklusionen behandeln – ohne jegliche Drähte oder Metall, wie sie bei herkömmlichen festsitzenden Apparaturen verwendet werden.
Der Behandler wählt den jeweiligen Fall aus, stellt die Diagnose und entwickelt den Behandlungsplan. Anschliessend werden die Patientendaten an ClearCorrect® übertragen. Dazu gehören eine digitale Abformung mittels Intraoralscanner, die Bissregistrierung der Okklusion in maximaler Interkuspidation, eine Panoramaschichtaufnahme, ein Fernröntgenseitenbild sowie intra- und extraorale Fotos. Anhand dieser Daten wird ein 3D-Modell der Zahnreihen und der Okklusion der Patientin oder des Patienten erstellt, das die virtuelle Planung der Korrekturen ermöglicht.
Der Behandler erhält eine digitale Simulationsdatei (ClearPilot™), in der Änderungen implementiert werden können, bevor die einzelnen Schritte des Behandlungsplans freigegeben werden. Nach Genehmigung des Plans beginnt die Anfertigung der Aligner. Der Behandler erhält die fertiggestellten Aligner in mehreren Boxen: die Doctor Box mit allen Informationen zur Behandlung und der sequenzierten Aligner-Serie; die Patient Box und die Aligner Box, die der Patientin oder dem Patienten mitsamt der ersten Schienen und sämtlichen Zubehörs übergeben werden (Abb. 3). ClearCorrect® gewährleistet eine kontrollierte Zahnbewegung durch progressive Korrekturen: pro Aligner beträgt der lineare Korrekturwert 0,2 mm und die Winkelkorrektur 2°. Die Gesamtanzahl der Schienen richtet sich in erster Linie nach der Komplexität des Falls und hat direkten Einfluss auf die Dauer und die Kosten der Behandlung.
In den Anfängen von ClearCorrect wurden ausschliesslich leichte bis mittelschwere Malokklusionen behandelt. Dank der Weiterentwicklung des Systems können inzwischen auch komplexere Fälle therapiert werden, insbesondere Extraktionsfälle, distale Bewegungen, stark ausgeprägte Deckbisse, offene Bisse oder Korrekturen im parodontal vorgeschädigten Gebiss. Der Einsatz von Attachments erhöht die Retention der Aligner und erleichtert bestimmte gezielte Zahnbewegungen wie die Korrektur der Spee-Kurve, Extrusion, Rotation, Translation oder die Kontrolle des Torques. Empfohlen wird ein Ersatz der Aligner im Zweiwochenrhythmus, um eine wirksame Behandlung zu gewährleisten und eine übermässige Zahnempfindlichkeit zu vermeiden.10,11 Die Schienen sollten jedoch mindestens 22 Stunden am Tag getragen und nur zu den Mahlzeiten oder für die Mundhygiene herausgenommen werden. Zur Reinigung der Schienen empfiehlt sich die Verwendung von Zahnbürste und Zahnpasta oder idealerweise einer speziellen Reinigungslösung.
Patientenfall
Eine 32-jährige Patientin mit orthognathem Profil stellte sich mit einer Malokklusion der Klasse I vor. Sie hatte ein vollständiges bleibendes Gebiss und retroinklinierte untere Schneidezähne, vestibulär ektopisch durchgebrochene obere Eckzähne sowie einen moderaten Engstand im Ober- und Unterkiefer. Beide Zahnbögen hatten eine rechteckige Form (Abb. 4). Der Hauptgrund der Konsultation war der Wunsch nach einer Ausrichtung der oberen Eckzähne. Eine festsitzende Apparatur lehnte die Patientin ab.
Die Behandlungsziele mit ClearCorrect® bestanden darin, die Frontzähne auszurichten, die oberen Eckzähne in den Okklusionsverlauf des Oberkiefers einzugliedern und den Engstand in Ober- und Unterkiefer aufzulösen (siehe Simulation der Behandlungsergebnisse in Abb 5). Aus okklusaler Sicht galt es, den Klasse-I-Status im hinteren Zahnbereich aufrecht zu erhalten, eine ästhetischeres Overbite- und Overjet-Verhältnis herzustellen und gleichzeitig die funktionelle Okklusion zu erreichen.
Die Behandlung mit ClearCorrect® erforderte 26 Aligner für den Oberkiefer und 26 für den Unterkiefer. Zur Optimierung der Vorhersagbarkeit der Zahnbewegungen wurden auf mehreren Zähnen Attachments angebracht. Nach einer initialen Behandlung über 12 Monate war kein Refinement erforderlich, um die geplante Zahnausrichtung zu erreichen.
Nach Abschluss der Behandlung (Abb. 6), entschieden wir uns für einen Retentionsaligner für Unter- und Oberkiefer. Der Patientin wurde empfohlen, diese in den ersten 3 Monaten ganztägig zu tragen und anschliessend nur noch nachts. Sie erhielt zwei Sets Retentionsaligner.
Diskussion und Schlussfolgerung
Einige Autoren haben die Zuverlässigkeit der mit Alignern erzielten Ergebnisse im Vergleich zu der virtuellen Simulation in Software wie ClearPilot® infrage gestellt.12,13 Im vorliegenden konkreten Fall entsprach die virtuelle Darstellung jedoch weitestgehend der finalen Okklusion der Patientin.
ClearCorrect® - Aligner bieten gegenüber herkömmlichen kieferorthopädischen Techniken zahlreiche Vorteile: bessere Ästhetik, höherer Tragekomfort, unkompliziertere Mundhygiene sowie die Möglichkeit für Behandelnde und Patienten, sich im Voraus ein klares Bild vom Behandlungsplan zu machen. Einige Studien legen ausserdem nahe, dass leichte bis mittelschwere Fälle Schneller behandelt werden können – allerdings ist weitere Forschungsarbeit erforderlich, um diese Beobachtung zu bestätigen. In unserem Fall betrug die Behandlungsdauer 12 Monate, während bei herkömmlichen Brackets etwa 15 bis 18 Monate notwendig gewesen wären.
Im Vergleich zu festsitzenden Multibracket-Apparaturen sind die Patienten mit Alignern zufriedener, da sie weniger Schmerzen verursachen und geringere Auswirkungen auf den Alltag haben.14 Allerdings lassen sich einige Bewegungen, z. B. Extrusion, Torque-Kontrolle und Wurzelinklination, mit Alignern allein nur schwer umsetzen und erfordern mitunter die Anwendung weiterer Strategien, z. B. Attachments oder intermaxilläre Gummizüge.5,15 Dennoch bieten Aligner den Vorteil, dass sie Plaqueansammlungen begrenzen und somit das Risiko für Karies und parodontale Erkrankungen reduzieren.
Die Weiterentwicklung der in transparenten Alignern verwendeten Materialien sorgt weiterhin für wesentliche Veränderungen in der modernen Kieferorthopädie. Sie ermöglichen eine kürzere Behandlungsdauer bei weniger Terminen und überzeugen Patienten gleichzeitig durch verbesserten Komfort und eine ästhetischere Lösung.5 ClearCorrect® ermöglicht Behandlern zudem eine frühzeitige Einschätzung der zu erwartenden Ergebnisse dank der virtuellen Behandlungsplanung.16 Gleichwohl erfordert der Einsatz des Systems etwas Übung, da es mit einer gewissen Lernkurve verbunden ist und die Routine sich erst mit wachsender Fallzahl einstellt.
Die Erforschung und Weiterentwicklung der zur Herstellung transparenter Aligner verwendeten Materialien tragen massgeblich zur kontinuierlichen Transformation der modernen Kieferorthopädie zum Vorteil der Patienten bei. Zu den Hauptzielen gehören die Reduktion von Behandlungsdauer, Anzahl der Termine und Arbeitsaufwand. Ebenso stehen der Patientenkomfort, eine ästhetische Behandlungslösung sowie die allgemeine Zufriedenheit von Behandlern und Patienten im Fokus.17,18 ClearCorrect® unterstützt die Behandlung zusätzlich durch eine virtuelle Simulation, die eine bildliche Vorstellung des Ergebnisses erleichtert.16 Nichtsdestoweniger setzt die erfolgreiche Anwendung des Systems fundierte Kenntnisse aufseiten der Behandler voraus, da es mit einer steilen Lernkurve verbunden ist. So sind eine gewisse Einarbeitungszeit und Anzahl an Behandlungsfällen notwendig, um den sicheren Umgang mit dem System zu beherrschen.
Es gilt zu berücksichtigen, dass ClearCorrect® lediglich ein ergänzendes Werkzeug im Behandlungsarsenal von Kieferorthopäden darstellt. Anders als herkömmliche festsitzende Apparaturen sind Aligner eine herausnehmbare Alternative, die Ästhetik, Komfort, eine kürzere Sitzungsdauer am Behandlungsstuhl sowie eine verbesserte Mundhygiene miteinander vereint. Der vorliegende Fall veranschaulicht eindrucksvoll, wie ein gut geplanter Aligner-Behandlungsansatz zu einem vorhersehbaren und sowohl für Behandler als auch Patienten zufriedenstellenden Ergebnis führen kann.